Expertentipps, Nachgefragt

Wieviel Spinner steckt in einem Hoflieferanten?

Johann Stixenberger im Gespräch mit Barbara Pirringer

Der junge Kater jagt ein Hendl, der alte Golden Retriever will partout das Kunststückchen nicht vorführen. Das ist aber schon das Einzige, was die Idylle am Biohof von Hoflieferanten-Gründer Johann Stixenberger in St. Georgen an der Klaus trübt.

Zeit, hinter die Kulissen zu blicken.

Gib uns doch bitte einen kurzen Überblick, wer oder was die Hoflieferanten heute sind.

Die Hoflieferanten sind heute eine umfangreiche Vermarktungsgemeinschaft, die auf drei Säulen aufgebaut ist: Da sind einmal wir sechs „Gründungsbauern“ und Gesellschafter, die landwirtschaftliche bio-zertifizierte Produkte erzeugen. Der zweite Bereich ist die Weiterverarbeitung, die direkt am Hof passiert – sprich, wir haben eine eigene Molkerei, eine eigene Hofschlachtung, Fleischerei und eine eigene Bäckerei dabei. Und dann gibt‘s den dritten Bereich, der für unsere Kunden in Steyr und Waidhofen am sichtbarsten ist, nämlich die BioMärkte und die BioKüchen, in denen unsere Bioprodukte täglich frisch verkocht werden. Diese geschlossene Wertschöpfungskette von Beginn an – von der Erzeugung vom Urprodukt über die Verarbeitung und Veredelung bis hin zum Produkt im Regal im BioMarkt ist zwar komplex, aber auch unsere große Stärke. Damit gewährleisten wir höchste Bioqualität, kürzeste Transportwege und der Weg des Lebensmittels ist für unsere Biokonsumenten komplett nachvollziehbar.

Das Unternehmen „Hoflieferanten“ war aber nicht immer so groß und umfangreich. Vor fast 30 Jahren habt ihr in Waidhofen den ersten BioMarkt eröffnet … 

… Dazu kann man nicht BioMarkt sagen. Das war im 92er-Jahr, aber begonnen hat es ursprünglich schon vorher. Wir Bauern sind da immer auf unseren Marktständen gestanden und jeder hat seine Produkte verkauft. Dann ist die Idee geboren, dass man ja auch gemeinsam was verkaufen könnte, das man das gemeinsam macht und nicht jeder für sich allein.  Das war der erste Kooperations- und Gemeinschaftsgedanke. Und im Jahr 1992 haben wir dann in Waidhofen auf 40 Quadratmeter auf Basis einer bäuerlichen Direktvermarktung einen wirklich kleinen Bioladen gegründet.  Ein Jahr später haben wir das gleiche in Steyr gemacht. Dort auf 90 Quadratmetern. Das waren die ersten beiden Geschäfte Anfang der 90er.

Damals waren auch Stimmen zu hören, die meinten „Da sind die Hippies, die Aussteiger, die Spinner,…“ Wieviel  Spinner steckt heute in einem BioBauern?

Ja, damals sind wir als Spinner oder Außerirdische angeschaut worden.  Seitdem hat sich vieles weiterentwickelt. Heute sind biologische Produkte in der Gesellschaft angekommen und auch voll akzeptiert. Und es wird sogar Großteils honoriert, weil es wirklich vielen Leuten bewusst geworden ist, dass biologische Landwirtschaft und auch die heimische Vermarktung einen sehr nachhaltigen Beitrag für unsere Entwicklungen leisten – nicht nur in der Vergangenheit oder Gegenwart, sondern auch für die Zukunft! 
Gleichzeitig ist aber unser Modell vom Urprodukt wie dem Getreide, über die Verarbeitung zum Gebäck, bis hin zum Verkauf  im BioMarkt sehr aufwändig, kompliziert und oft sehr fordernd. Da musst du dich schon überdurchschnittlich engagieren und da musst du manchmal auch heute noch ein bisschen ein Spinner sein.

"Jetzt halten sich viele die Hände vor die Augen nach dem Motto 'Ich will’s nicht sehen. Ich lebe jetzt. Ich zuerst'."


2015 warst du als Redner beim Forum Alpbach auf der Bühne. Angekündigt wurdest du dort als „Stadtentwickler, Biobauer, Projektentwickler, Prozessbegleiter“. Wohin geht dein Engagement derzeit?

Das hab ich sehr fokussiert auf die landwirtschaftliche-biologische Produktion. Einerseits, weil es mich einfach wirklich interessiert und andererseits, weil es wichtig ist. Wir sind gerade in einer Phase, wo viel geredet wird – über Nachhaltigkeit, über Klimawandel. Beim Handeln erwischen wir uns aber alle oft selbst, dass wir da nicht so exakt sind wie es notwendig wäre. Zwischen 2008/2009 bis etwa 2012 – während der Finanzkrise – waren die Leute meiner Meinung nach offener für solche Dinge. Jetzt halten sich viele die Hände vor die Augen nach dem Motto „Ich will’s nicht sehen. Ich lebe jetzt. Ich zuerst.“ In Wirklichkeit sollten wir aber jeden Tag nachdenken, ob unsere Kinder und Enkel auch noch was zur Verfügung haben von unserer Welt. Wenn wir so weitertun wie jetzt,  schaut’s nicht recht rosig aus.

Dabei konsumieren die Österreicherinnen und Österreicher laut einer Konsumentenstudie 2017 durchaus bewusst. Die Studie zeigt aber, dass Regionalität für Konsumenten ein stärkeres Kaufmotiv ist als eine biologische Herstellung. Was möchtest du den Konsumenten sagen?

Regionalität ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Es gibt aber beim dem schönen Wort „Regionalität“ ein paar versteckte Stolpersteine. Erstens sagt „regional“ rein gar nichts darüber aus, wie oft mein Apfel gespritzt worden ist, womit er behandelt worden ist oder welcher Dünger in den Boden rinnt. Dann ist auch das Wort „regional“ extrem dehnbar. Was ist denn regional? Mostviertel, Österreich, Bayern? Im allgemeinen Verständnis wohl eher Österreich. Konventionelle Lebensmittel mögen zwar aus der Region stammen, haben aber meist durch Transportwege schon das x-fache von Biolebensmittel am Buckel. Nehmen wir einen Erdapfel aus dem Marchfeld: Der wird in Hollabrunn gewaschen, nach Vorarlberg zum Pürieren geschickt und steht in Wien als Kartoffelpüree im Supermarktregal. Solche Transportwege wären für einen Bio-Erdapfel ohne künstliche Konservierung gar nicht machbar.  

Bei der biologischen Produktion haben unsere Konsumenten natürlich den Vorteil und die Sicherheit eines  kompletten Kontrollsystems. Die Kontrollstellen werden staatlich überwacht und kontrollieren, ob das entsprechende Gesetz, die EU-Bio-Richtlinie, eingehalten wird. Sie definiert ganz genau, was der Biolandbau machen darf und was nicht. 

Das beste Produkt ist daher natürlich ein Bioprodukt aus der umliegenden Region.

Wie weit „fährt“ denn nun ein Erdapfel, bevor ich ihn bei den Hoflieferanten kaufen kann?

Gerade unser Erdapfel fährt gar nicht weit. Wir haben zwei Erdäpfel-Lieferanten: Einen aus Kematen an der Ybbs, also näher beim Waidhofner BioMarkt und einen aus Ennsdorf, der näher an den Steyrer BioMärkten ist. Früher hatten wir die Erdäpfel aus ganz Österreich, weil die Regelmäßigkeit bei der Lieferung nicht anders möglich war. Heute können wir erfreulicherweise die Erdäpfel so direkt wie möglich anbieten. Und dank der regelmäßigen Lieferung können  sich unsere BioMarkt-Besucher besonders bei Grundnahrungsmittel das ganze Jahr über auf ein fixes Sortiment verlassen.  

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"Da kann man sich fragen, ob es sinnvoll ist, im Winter Erdbeeren zu wollen oder ob wir wirklich das ganze Jahr über Bananen essen müssen."


In den Regalen der Hoflieferanten findet man aber auch Produkte aus aller Welt …

Das stimmt. Dazu muss man folgendes wissen: Vor allem unsere Frischprodukte in der Feinkost im BioMarkt stammen von unseren sechs Gesellschaftern und den rund 60 Bio-Bauern im Bezirk Amstetten und Steyr – also aus dem Erlauf-, Ybbs-, Steyr- und Ennstal – die uns in der Woche mehrmals beliefern. Das Gemüse zum Beispiel wird vom Biogemüsehof Wild Obermayr um 5 oder 6 Uhr morgens geschnitten und ist um 8 Uhr bei uns im Geschäft im Gemüseregal – das ist 8 Kilometer vom Feld weg. Diese Kürze im Transport und diese Frische sind einzigartig und die große Stärke der Hoflieferanten. Bei uns weiß man dann auch ganz genau, dass das Hendl vom Schweitzer ist und das Schweinskotelett vom Mitterhuber seiner Bio-Sau. Im Supermarkt finde ich diese Transparenz selbst bei Bioprodukten selten.

Wir haben aber auch Bananen und Produkte im Regal, die nicht im Ennstal wachsen. Da kann man sich fragen, ob es sinnvoll ist, im Winter Erdbeeren zu wollen oder ob wir wirklich das ganze Jahr über Bananen essen müssen. Der Konsument ist heute halt aufgrund der Möglichkeiten schon sehr fordernd und ist es gewöhnt, das ganze Jahr über alles verfügbar zu haben. Genau da liegt auch bei uns die Herausforderung: Selbst bei Äpfel ist es ab Mai schwierig, Äpfel aus der direkten Umgebung zu bekommen. Dann müssen wir die Äpfel von weiter weg zukaufen, was längere Wege und höhere Transportkosten mit sich bringt und letztlich zu einem höheren Preis führt. Hier ist das Spannungsfeld zwischen regionalem Bio und globalem Bio.

Dazwischen gibt’s noch das – wie ich es nenne – anonyme Bio. Bio von Handelsmarken, wo man halt die zusammengemischte Milch von hundert Milchbetrieben bekommt und nicht mehr sagen kann, woher die genau stammt. Glücklicherweise stammt bei uns Hoflieferanten der ganze Feinkostbereich, Fleisch, Wurst, Käse, Milchprodukte, Eier, Gemüse, Säfte und so weiter fast ausschließlich von unseren 60 Bioproduzenten.
Mein Traum wäre natürlich, wenn die Konsumenten und auch wir Produzenten zu den regionalen und saisonal vernünftigen Bioprodukten greifen würden.


" Das beste Produkt ist daher natürlich ein Bioprodukt aus der umliegenden Region."


Bio hat ja immer noch den Ruf, teuer zu sein. Ist Bio teuer? 

Mit diesem Vorurteil kämpfen wir schon lange. Beim Auto ist jedem klar, dass ich für ein deutsches Qualitätsmodell mehr bezahlen muss, als für ein indisches Tuk-Tuk. Dafür bekomme ich aber auch mehr Komfort, bessere Verarbeitung, höhere Qualität und vor allem mehr Sicherheit. Bei Lebensmitteln glaubt man, man kann ums billige Geld, höchste Qualität bekommen. Dabei kann ein billiges Lebensmittel nur billig produziert werden und dann kann nur ein billiger Rohstoff in meinem Lebensmittel drinnen sein. Unsere Bioprodukte sind ganz einfach preiswert, nämlich ihren Preis wert. 

Aber um die Frage zu beantworten: Nein, Bio ist nicht zwangsläufig teuer oder teurer als konventionelle Angebote.  Man muss bei Biolebensmitteln überlegen, in welcher Menge man einkauft. Wenn ich in die Einkaufswägen im Supermarkt schaue, sehe ich Berge von Produkten, nur weil sie im Angebot sind. Nimm 3, zahl 2… Da kaufen die Leute vermeintlich billig ein und werfen dann wieder was weg, weil sie es gar nicht verbrauchen können. 

Wenn man also bewusst einkauft, kann man bei den Hoflieferanten höchste Qualität in einer sinnvollen Menge  sehr preiswert einkaufen.


" Das machen wir nicht, weil die Gewinnspannen dort so hoch wären, sind sie nämlich nicht, sondern weil uns Bio für alle einfach am Herzen liegt und wir Bio für jedermann und jederfrau zugänglich machen wollen."


Man muss ja auch bei den Hoflieferanten nicht auf Angebote verzichten, stimmt’s?

Natürlich nicht. Neben unseren wechselnden Monatsaktionen bieten wir 20 Lebensmittel dauerhaft extrem günstig an. Das sind Produkte für unsere breite Klientel – von jungen Leuten, über Familien, bis hin zu älteren Herrschaften. Das sind Lebensmittel, die man am Frühstückstisch, beim Mittagessen, zwischendurch und zur Jause brauchen kann. Das machen wir nicht, weil die Gewinnspannen dort so hoch wären, sondern weil uns Bio für alle einfach am Herzen liegt und wir Bio für jedermann und jederfrau zugänglich machen wollen. 

Und beim Mittagsangebot sind auch spezielle Aktionen in Planung.

Das klingt spannend …  Welche Pläne oder Spinnereien stehen nun bei den Hoflieferanten als nächstes am Programm? 

Wir schauen natürlich immer, was wir noch verbessern können, wie wir noch mehr Konsumenten für Bio begeistern können und wie wir unsere Qualitätsversprechen unseren Kunden näher bringen können.  

Konkret spinnen wir gerade Ideen rund ums Thema Wein und spezielle Weihnachtsangebote. Ein Mmmmmahlzeitpass für treue Esserinnen und Esser ist auch in Vorbereitung. Ein gesundes Mittagessen für Berufstätige ist für denjenigen selbst, aber auch für den Arbeitgeber viel wert, der ein fittes Team hat. Neben den fleischlichen Klassikern gibt’s in unseren BioKüchen nämlich täglich eine leichte vegetarisch, oft auch vegane Alternative – alles frisch von Hand gekocht und aus regionalen Lebensmitteln. Das macht unsere Gerichte einzigartig frisch und das schmeckt man.

Das heißt, ich hätte den Rindsbraten gestern noch auf der Weide treffen können?

Den Rindsbraten aufgrund der Reifedauer nicht, den Erdapfel schon. Dieses enge Netz vom Urprodukt bis ins Regal ist eben das Besondere, das, was man schmeckt, bei den Hoflieferanten.

Stand: Oktober 2018


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